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Alle suchen nach dem Business-Case

Der CO₂-Kongress in Bern macht deutlich: Die Abscheidung und Speicherung von CO₂ ist technisch nicht nur möglich, sondern wird schon in verschiedenen Projekten umgesetzt. Nur: Es fehlt überall noch der Business-Case. Damit der Schritt von Pilotprojekten zur industriellen Anwendung gelingt, braucht es verlässliche Rahmenbedingungen, eine leistungsfähige Transportinfrastruktur und wirtschaftliche Geschäftsmodelle.

Rasmus Portmann, Manager Public Affairs/Projektleiter Deutsche Carbon Management Initiative am CO2-Kongress in Bern.. Quelle: CNG-Mobility.ch

Die Biogas- und Biomethanindustrie liefert einen der kostengünstigsten und am besten skalierbaren erneuerbaren Energieträger für Europa: Biogas. Doch ihr Dekarbonisierungspotenzial ist noch viel grösser: Denn nicht nur die Nutzung von Biogas, ob in der Industrie oder für die Mobilität, verhindert CO₂-Emissionen. Bereits bei der Produktion des nachhaltigen Energieträgers kann CO₂ abgeschieden und so die Dekarbonisierung noch weiter und schneller vorangetrieben werden. Bei der Produktion einer Tonne Biomethan können ebenfalls etwa zwei Tonnen biogenes CO₂ erzeugt werden. Das Potenzial für die Kohlenstoffabscheidung, -speicherung und -nutzung ist daher nicht zu vernachlässigen, wird aber noch zu selten genutzt.

Daniela Decurtins, VSG-Direktorin, wies darauf hin, dass man bei CCUS-Lösungen für die Schweiz dringend «gemeinsam anpacken» müsse. Quelle: CNG-Mobility.ch

Bereits seit einigen Jahren wird etwa bei der ARA Region Bern AG in einem Pilotprojekt reines CO₂ von der Firma Neustark abgeholt und später für die Carbonatisierung von Betongranulat eingesetzt. Welche Chancen und weiteren Lösungen zur Abscheidung sowie Speicherung von biogenem CO₂ bestehen, zeigte der dritte CO₂-Kongress in Bern. Dort wurde über das sogenannte CCS (Carbon Capture and Storage) sowie über die Abscheidung und Nutzung von CO₂, also CCU (Carbon Capture and Utilization), informiert und diskutiert. Beim Anlass verkündete der Verband der Schweizerischen Gasindustrie (VSG) zudem die Lancierung von «CO₂NNECT». Das neue Netzwerk soll Unternehmen, Behörden und Verbände zusammenbringen, um die technischen, wirtschaftlichen und regulatorischen Grundlagen für eine nationale CO₂-Transportinfrastruktur zu erarbeiten.

Moderator Philipp Burkhardt führte durch den Kongress in Bern. Quelle: CNG-Mobility.ch

Denn einfach so kann man das CO₂ nicht verschwinden lassen und aus der Schweiz wegbringen. Lukas Epple, Head of Strategy des internationalen Zement- und Baustoffherstellers Vicat Group, erklärte in der Podiumsdiskussion unmissverständlich: «Wenn wir das Problem wirklich lösen wollen, dann brauchen wir eine Pipeline, sonst kriegt man das CO₂ nicht aus dem Land. Nur schon für die Zementindustrie müssten wir in der Schweiz für den Abtransport per Zug so viele Züge einsetzen, dass diese die ganzen Trassen blockieren würden und kein Personenverkehr mehr möglich wäre.» Denn gemäss Szenarien des Bundes müssten bis 2050 in der Schweiz jährlich rund sieben Millionen Tonnen CO₂ abgeschieden und dauerhaft gespeichert werden, um die Schweizer Klimaziele zu erreichen.

Hier wurde gerade eine Ladung an CO2 für das Start-up «Neustark» abgefüllt, dass danach mit einem Biogas-LKW der Salzmann AG Transporte nahezu CO2-neutral zu seinem Bestimmungsort transportiert wurde. Quelle: CNG-Mobility.ch

Sollen wichtige Industrie- und Produktionszweige nicht abwandern und einfach an einem anderen Ort der Welt mit höheren CO₂-Ausstössen produzieren, müsse man jetzt handeln. Insbesondere in der Zementindustrie und bei Kehrichtverbrennungsanlagen (KVA) lassen sich Emissionen nicht vollständig vermeiden. Die Schweiz steht dabei vor einer besonderen Herausforderung: Geeignete geologische Speicherstätten sind hierzulande derzeit nicht verfügbar. Abgeschiedenes CO₂ muss deshalb zwingend zu ausländischen Speichern transportiert werden. «Eine zentrale Voraussetzung dafür ist der Aufbau einer leistungsfähigen Transportinfrastruktur: ein CO₂-taugliches Hochdruckleitungsnetz», betont VSG-Direktorin Daniela Decurtins.

Stéphane Maurel vom französischen Energieinfrastrukturunternehmen Natran. Quelle: CNG-Mobility.ch

Eine solche Infrastruktur entsteht jedoch nicht von heute auf morgen. Das machte Stéphane Maurel vom französischen Energieinfrastrukturunternehmen Natran deutlich. «Wir stehen etwa am selben Punkt wie vor 50 oder 60 Jahren beim Biogas. Damals gab es kein Leitungsnetz für Biogas und man musste eines mit Pipelines aufbauen. Genau das machen wir nun wieder, einfach für H₂ und CO₂», so der Franzose. Er verriet am Kongress in Bern Details zu den Plänen für ein erstes, über 1000 Kilometer langes CO₂-Transportnetz in Frankreich. Mehr als 200 Unternehmen hätten bereits Bedarf für einen Abtransport von CO₂ signalisiert. Für Maurel ist sogar eine Verbindung in Richtung Basel und Mulhouse und somit zur Schweiz denkbar: «Dazu fehlt aber noch ein rund 100 Kilometer langes Teilstück. Um diese Verlängerung zu realisieren, müsste man sicherlich rund drei Millionen Tonnen CO₂ zusätzlich über die Pipeline abführen können, sonst geht der Business-Case nicht auf.»

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Wie CO₂-Transport und -Speicherung schon heute praktisch funktionieren, veranschaulichte danach Sören Reinhold Poulsen, Leiter des Geschäftsbereichs CCS beim dänischen Unternehmen Nordsöfonden. Er bemerkte jedoch gleich zu Beginn: «Wir haben alle das gleiche Problem: Wir müssen diesen verdammten Business-Case finden.» Sein Unternehmen hat bislang vor allem dänische Kunden. Aber beispielsweise auch die Regionalwerke AG Baden überlässt seinem Unternehmen CO₂, um es sicher und dauerhaft in den ehemaligen Ölfeldern in der Nordsee speichern zu lassen.

Sören Reinhold Poulsen, Leiter des Geschäftsbereichs CCS beim dänischen Unternehmen Nordsöfonden. Quelle: CNG-Mobility.ch

«Wenn wir CCUS vorantreiben wollen, dann braucht es auch Transport- und Logistiklösungen, bevor wir das CO₂ überhaupt irgendwo lagern können, ob onshore oder offshore», erläuterte Poulsen. In Dänemark wird verflüssigtes CO₂ unter anderem per Schiff zu Offshore-Speicherstätten transportiert. Im Hafen von Esbjerg dienen Tanks als Zwischenlager, bevor das Schiff zu einem weiteren rund drei Tage dauernden Rundtrip startet. Man sei mit einem Pilotprojekt von 4100 Tonnen gestartet und arbeite nun mit einer Menge von 400’000 Tonnen pro Jahr, habe aber den wirtschaftlichen Durchbruch noch nicht erreicht. Auch in Dänemark sucht man also noch nach einem Business-Case für CCUS!

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Dass die Technik für die Dekarbonisierung vorhanden ist, bedeutet nämlich noch lange nicht, dass Projekte automatisch realisiert werden. In der Podiumsdiskussion mit SP-Nationalrätin Gabriela Suter, FDP-Ständerat Damian Müller, Urs Zimmerli, CEO von Getec Schweiz, und Lukas Epple, Head of Strategy bei Vicat, standen vor allem die noch immer fehlenden gesetzlichen Rahmenbedingungen im Fokus. Die Diskussion zeigte ausserdem den Zielkonflikt zwischen nationalen Klimaschutzmassnahmen und dem internationalen Wettbewerb. Denn werden emissionsintensive Produktionsschritte ins Ausland verlagert, ist für das globale Klima wenig gewonnen. «Wir möchten die Rahmenbedingungen ebenfalls sehr gerne vorantreiben, aber auch wir müssen auf das neue CO₂-Gesetz des Bundesrates warten», wies Gabriela Suter aufs Dilemma der Politik hin. «Ich würde mir von Bundesrat Albert Rösti und seinem Departement auch mehr Tempo wünschen», ergänzte Damian Müller. «Aktuell kaufen wir lieber teure Zertifikate im Ausland, statt Projekte in der Schweiz voranzutreiben.»

Podiumsdiskussion zur Einordnung und zu Standpunkten zum CO2-Gesetz mit Urs Zimmerli, CEO Getec Schweiz, Gabriela Suter, SP-Nationalrätin, Damian Müller, FDP-Ständerat und Lukas Epple, Head of Strategy Vicat. Quelle: CNG-Mobility.ch

Und Lukas Epple verwies darauf, dass Unternehmen in der Zementindustrie in Zyklen von 50 Jahren denken und investieren: «Wir brauchen dazu klare Rahmenbedingungen. Als Erstes den Grenzausgleich beim CO2. Wenn sich alles immer wieder ändert, dann haben wir keinen Business-Case mehr und damit auch keine Zukunft für unsere Branche – aktuell ist einer vorhanden.» Urs Zimmerli, CEO von Getec Schweiz, pflichtete ihm bei: «Die Technik ist da, aber nun müssen wir skalieren. Und dabei stellt sich immer die Frage, wie man die Projekte finanziert.» In kleinerem Rahmen sei es möglich, aber für grössere Projekte müsse langfristig zwingend Klarheit über die Rahmenbedingungen herrschen. Sonst bleibe die Finanzierung die zentrale Hürde für Schweizer CO₂-Projekte.

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Und genau hier setzt das neu lancierte Netzwerk «CO₂NNECT» an. Es soll bestehende Initiativen von Bund, Kantonen, Verbänden und Unternehmen koordinieren und den Austausch über eine schweizweite CO₂-Leitungsinfrastruktur fördern. Zu den Gründungsmitgliedern gehören der VSG, die Gasverbund Mittelland AG (GVM) und die Ganeos AG. Denn bis aus einzelnen CO₂-Abscheidungsprojekten eine funktionierende Wertschöpfungskette entsteht, sind noch viele Fragen zu klären: Wer finanziert die Leitungen? Wie lassen sich genügend CO₂-Mengen bündeln? Welche Regeln schaffen Investitionssicherheit? Und wie wird der Anschluss an ausländische Transport- und Speicherinfrastrukturen sichergestellt? Daher forderte Daniela Decurtins zum Schluss des gut besuchten Kongresses auch alle auf: «Es gibt CCUS-Lösungen für die Schweiz. Machen Sie mit bei ‹CO₂NNECT›, wir freuen uns auf den Austausch mit Ihnen!» (jas, 9. Oktober 2026)

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